2. November 2007
Liebe Familie und Freunde
Ich sitze hier in Mexiko, es ist 10Uhr morgens, bei euch also 17Uhr abends, und wenn ich aus dem Fenster schaue und schätzen müsste, welchen Monat wir haben, würde ich vermutlich auf Mai tippen. Es
ist nicht mehr super heiss, aber wie November auch ganz und gar nicht, Nebel, Biswind und farbige Blätter fehlen. Nur wenn ich die Leute vom Ende des Jahres sprechen höre, merke ich jeweils, dass nur
noch 2 Monate fehlen bis Weihnachten!
Es ist enorm, wie schnell die Zeit vergeht, so vieles ist passiert, und doch sind wir erst seit zwei Monaten ausser Landes. Dank Telefongesprächen, Mails und SMS haben wir nie das Gefühl, ganz ab der
Welt zu sein, können ein bisschen an euren Leben teilhaben und uns bereits mega auf unseren ersten Schweizerbesuch freuen, auch wenn wir ehrlich gesagt noch keine Ahnung haben, wann das sein
wird...
Wir haben uns hier gut eingelebt, die grossen Ausgaben sind langsam getätigt, Papiere sind am fliessen zwischen der Schweiz und Mexico – danke, Paps!- ,und wir haben beide begonnen, zu arbeiten: Manu
heute!!! Das Wohnungs-, Auto- und Arbeitssuchekapitel ist somit also zu Ende und das wohl mehr alltägliche Lebenskapitel beginnt. Aber zu entdecken undlernen gibt es noch eine Menge!
Da viele von euch gar nicht wissen, was alles so passiert ist, erzähle ich euch von unseren ersten paar aufregenden Wochen, hoffe ich kann mich kürzer fassen als auch schon... ;)
Den ersten Monat haben wir in einem möblierten Haus einer Schwester eines Freundes einer Freundin einer Grosstante des Urenkels ...oder so wohnen dürfen! J Beziehungen sind hier in Mexiko um einiges
wichtiger als in der Schweiz. Wir waren mega dankbar, dass wir mit unseren grossen, schweren Koffern im sicheren Hafen eintreffen konnten und fürs erste von der Gabel, über das Bettzeug bis zur
Waschmaschine alles vorhanden war. Fehlte nur noch die Schweizerflagge an der Wand und los ging das Abenteuer! Die erste Woche verbrachten wir v.a. im Bus, wir verbrateten zwar Stunden, lernten aber
die Stadt ziemlich gut kennen.(Hey, Guadalajara ist wirklich überblickbar, ich habe mir KEIN GPS gekauft und wenn ICH mich orientieren kann, so will das etwas heissen!!!) Wir besuchten das schweizer
Konsulat in Guadalajara, meldeten mich in der Sprachschule an und Manu begann sich zu bewerben. Die ersten paar Tage hatte ich total Heimweh und fühlte mich einsam und verlassen, da Manu zu arbeiten
hatte – an meinem Computer...- und mir währenddessen fast die Decke auf den Kopf fiel ;irgendwann hatte ich nämlich genug vom lesen, worshippen und fernsehen, doch leider nicht den Mut, alleine
irgendwo hinzugehen, da ich nicht wusste, ob ich überfahren, entführt oder einfach missverstanden werden würde und ob ich je wieder nach hause finden würde...
Das hat sich zum Glück aber schnell geändert, mit jeder Busfahrt und jedem Wort oder Kontakt mit den Einheimischen fühlte ich mich sicher und nach einer Woche begann ich, täglich mit dem Bus ins
Zentrum zu fahren um mein Spanisch zu verbessern. Manu hat in der Zwischenzeit einige Jobinterviews gehabt, z.T. begleitet von Tests – die Mexikaner lieben Tests, ich musste auch schon einige sehr
komische Fragen beantworten und sogar einen Baum zeichnen und dann dessen Geschichte erzählen auf englisch... (Wenns nur der Baum gewesen wäre, wärs ja gegangen, aber es folgten Haus, Frau und Mann;
Anmerkung der Redaktion für alle, die meine Zeichenkünste kennen...in Mexico sind sie die Psychologen wahrscheinlich in diesem Moment die Köpfe am zerbrechen J). Manu hat einen Wissenstest mit ebenso
spannendem wie verblüffendem Resultat abgeschlossen: In den Wissenschaften ging er als Uniprofessor durch, im Allgemeinwissen (das hier aus mexikanischer Geschichte und Geografiebesteht) hatte er das
Niveau eines Primarschülers, wir haben super gelacht!!! Übrigens weiss er seit dieser ersten Erfahrung nun, wer den Unabhängigkeitskrieg eingeleitet hat – war es nun Hidalgo, Obrero oder
Cauthemoc...? ;)
Leute, wir haben ein Haus gefunden absolut über unseren kühnsten Erwartungen, es ist ein Traum, echt ein Geschenk Gottes – fragt Tanja, Martina, Memo oder Pati! Hier wartet ein grosses, geräumiges
Haus mit Gästezimmer und –bad auf euch, in einer schönen, sicheren Gegend, nahe vom Park (Joggingfreunde und Brätelfans) und von einem der grössten Einkaufszentren. In der Garage steht ein Volkswagen
Pointer (klein, aber fein, hat uns schon sicher zum DF und zurück gebracht) und bald werden wir auch nicht mehr am Boden essen müssen, da diese Tage die Möbel ankommen sollten. Wenn das jetzt nach
hohen Ausgaben tönt, so ja, ihr habt völlig recht, zum Glück hatten Manu und ich in der Schweiz fleissig gearbeitet und gespart, sonst hätten wir uns 3, 4 Monaten ohne Arbeit und mit all den
Neuanschaffungen nicht leisten können. Wenn man mit einem Schweizerportemonnaie ankommt, freut man sich total darüber, wie billig alles ist, uns ist es auch so gegangen zuerst, aber da wir nichts
mehr verdienten und jetzt in mexikanischen Pesos denken, hat sich unser Blickwinkel ziemlich geändert. Wir leben aber megagut und solange wir uns ab und zu einen Flug in die Schweiz leisten können,
ist alles ok!
Verdienst, Lebensumstände, Chancengleichheit, Lebensqualität und soziale Schichten sind ein unendliches Kapitel, spannend, und jedes Land hat Vor-und Nachteile. Wir sind am diskutieren, vergleichen,
lernen – und oft auch am erklären, was wir (die wir aus Europa und der ersten Welt kommen) denn um Himmels Willen hier in Mexiko machen würden.
Manu hat wie gesagt heute seinen ersten Arbeitstag, er hat ein unglaublich gutes Jobangebot gekriegt. Seine eigenen Worte sind dass der Job zwar drei Nummern zu gross sei, aber schliesslich könne er
ja noch vieles lernen. Mega, oder? Wird bestimmt herausfordernd, aber darum sind wir ja hier. Er arbeitet in einer Firma namens „Sistemas digitales“ und ist als Product Designer dafür zuständig, mit
Kunden über deren Wünsche und Verbesserungsvorschläge im Bezug auf die Produkte zu sprechen, dies zu evaluieren, auf dem neusten Stand der Technik und Möglichkeiten zu sein und schlussendlich zu
entscheiden, welche Produkte die Firma entwickeln und was sie ändern soll. So ungefähr in Laienworten... Ich weiss, Manu könnte das tausendmal besser erklären, sorry, aber einen Versuch wars doch
wert, oder?
Ich selbst habe vor zwei Wochen meine 4 Wochen Sprachschule mit einem Diplom (wow,gäll? Aber es steht nur darauf, dass ich den Spanischunterricht besucht habe... J )abgeschlossen und begonnen, ein
paar Bewerbungen abzuschicken. Innerhalb dreier Tage hatte ich etwa 5 Interviews – mit und ohne Psychologietest ;) - , begann mit einem Training in der Sprachschule Berlitz und fand schlussendlich
meinen jetztigen Job. Es ging sooooo schnell, dass wir nur noch staunten und ich am Ende der Geschicht noch eine Woche vor Manu mit arbeiten begann. Am Mittwoch hatte ich das Interview, am Donnerstag
sagte ich zu, am Freitag wurde ich eingeführt (das jedenfalls war die Meinung) und am Samstag fing ich an...puhhh! Ich arbeite bei Linguatec, einer Sprachschule, als Deutschlehrerin. Meine Studis
sind zwischen 15 und 59Jahren alt, die meisten jedoch zwischen 18 und 28. Es ist etwas ganz anderes, aber es fägt. Lehrmittel habe ich ausser vorsintflutlichen Kopien noch keines, ich unterrichte
vier Niveaus - wobei einige Leute vom selben Niveau 30Stunden jede Woche Unterricht nehmen und andere nur 3- und die Schüler haben in den letzten 6 Monaten aus wohl genau diesen Gründen und
schlechter Bezahlung etwa 4 Lehrerwechsel gehabt. Ziemlich chaotisch, aber auch ziemlich verbesserungsfähig, auf jeden Fall gefällt es mir als Einstieg, mit den Studenten habe ichs sehr gut und mein
Chef wird mir meine Arbeitserlaubnis besorgen. (Wieder ein anderes Kapitel, und ja, ich arbeite bereits...) Ich beginne jeden Tag um 14Uhr und arbeite bis 21Uhr, so dass ich Sport, Hobbies, Leute
treffen, einkaufen, Mails schreiben und alles was man halt so macht auf den Morgen verlegen muss. Ausserdem arbeite ich am Samstag immer von 8Uhr bis 15Uhr. Mein Schatz hingegen beginnt um 8Uhr und
hat am Abend Freizeit, er hat schon ein Klettertraining gefunden, das er zweimal pro Woche besucht, bevor er mich abholen kommt. Es ist alles ganz neu, wir werden uns organisieren und unsere
Erfahrungen machen müssen, und wenns nicht geht, dann suchen wir eine andere Lösung. Aber vorerst starten wir den Pilotversuch.Heute abend stossen wir auf unsere Arbeit an und gehen feiern, morgen
habe ich nämlich frei, juhu! (Allerheiligen, dia de los muertos).
Leute, unsere Türen sind offen, wir haben schon einige Besucher gehabt und andere stehen kurz vor der Tür, wir freuen uns riesig! Wenn ihr Lust habt, kommt in die Ferien, ihr seid alle herzlichst
willkommen! Ansonsten freuen wir uns über jedes Mail, Telefon, Brieftaube, lo que sea... Ich schreibe euch hier unsere neue Adresse sowie Telefonnummern, damit ihr euch sofort melden könnt, wir
freuen uns J :
Manuel und Annina Altermatt
Calle de Sebastián Bach No.5623
Casa No.6, denominada “Zuni”
Colonia La Estancia
C.P.45030, Zapopan, Jalisco
Guadalajara, Mexico
Telefon Haus: 0052 33 36 73 68 11
Natel Annina: 0052 1 33 14 03 44 02
Natel Manu: 0052 1 33 11 54 60 44
Mails: manuel@altermatt.ch annina@altermatt.ch
Herzlich, mit viel Sonnenschein und Liebe, Manu und Annina
Welcome